Ghibli trifft Adria: Review zu „Porco Rosso“

Ihr habt die bekannten Ghiblis alle schon geschaut und seid auf der Suche nach sehenswertem Nachschub? „Porco Rosso“ ist ein wunderschönes Flieger-Abenteuer am Mittelmeer, das selbst eingefleischte Fans des japanischen Studios oftmals nicht kennen. In der Tat sticht der Film mit dem charismatischen Schwein in mehrerer Hinsicht hervor, nicht aber im negativen Sinne.

Ein Kriegsheld in Bedrängnis

Porco verbringt seinen Abend, wie man das von einem coolen Piloten erwartet: lässig an der Bar

Porco verbringt seinen Abend, wie man das von einem coolen Piloten erwartet: lässig an der Bar

Die Geschichte dreht sich um das Fliegerass „Porco Rosso“, einen ehemaligen Kriegspiloten mit dem Leib eines Menschen und dem Gesicht eines Schweines, das mit seinem roten Flugzeug das Mittelmeer als Kopfgeldjäger unsicher macht. In einem Konflikt mit dem Amerikaner Curtis wird Porcos geliebte Maschine zerstört und muss nach Mailand zur Reparatur gebracht werden. Dort trifft Porco die junge Flugzeugbauerin Fio,die unverhoffterweise zu seiner Begleiterin wird und mit ihrem heiteren Wesen einiges durcheinanderwirbelt in der Welt des eigenbrötlerischen, verschlossenen Schweines. Verfolgt vom Militär, versuchen die beiden Porcos Schulden zu tilgen und sich dabei die Luftpiraten vom Hals zu halten – ein mehr als schwieriges Unterfangen.

Das Schwein im Einsatz mit seiner roten Maschine. Immer wieder fesselt der Film mit actionreichen Flugszenen.

Das Schwein im Einsatz mit seiner roten Maschine. Immer wieder fesselt der Film mit actionreichen Flugszenen.

Für immer alleine weiterfliegen

„Porco Rosso“ ist ein sensibler Film, der von seiner dichten Atmosphäre lebt und dabei sehr subtil und vorsichtig ernste Themen streift, wie den Faschismus oder den Verlust von Kameraden im Krieg. Diese Facette des Films sorgt für den nötigen Tiefgang, schimmert jedoch nur ab und zu hindurch, bleibt dezent im Hintergrund. Überwiegend ist die Stimmung von „Porco Rosso“ farbenfroh und unbeschwert, entspannt und teils auch ein wenig verschlafen. Das liegt auch am Protagonisten: Porco ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „coole Sau“ und nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Im Gegensatz zum nervigen Hollywood Stereotypen, der mit einem flotten Spruch auf den Lippen stirbt, bleibt das fliegende Schwein jedoch glaubhaft und auch sympathisch. Abgebrüht wirkt er zwar, „mit allen Wassern gewaschen“, beides aber mit einem Hauch von schwermütiger Resignation – eben so, wie man sich einen Kriegsveteranen vorstellt.

 

„Lieber bin ich Schwein als Faschist“ – Porco Rosso

Man wundert sich als Zuschauer immerzu: wie ist Porco zu dem geworden, was er heute ist? Wie kam es zu seinem Dasein als einsamer Vagabund und, vor allem, zu seinem merkwürdigen Äußeren? Der Schweinskopf wird ohne Erklärung eingeführt und von allen Charakteren wie selbstverständlich akzeptiert. Gelegentlich wird der Sachverhalt mal für den ein oder anderen Witz missbraucht, davon abgesehen ist die kuriose Begebenheit aber offen für eine ganze Reihe an interessanten und trickreichen Interpretationen. Auf keinen Fall will Porco wieder in die Armee eintreten: „Lieber bin ich Schwein als Faschist“, erklärt er seinem Freund Ferrarin – einer der Momente, an denen man über die tierische Erscheinung unseres Helden genauer nachzudenken beginnt. Davon abgesehen: ist Porco der Einzige, der völlig verwandelt aus dem Krieg zurückkehrt? Der die Einsamkeit sucht und mit der Welt der Menschen nichts mehr zu tun haben will?

Ein Zimmer im Hotel Adriano, bitte!

Porco auf dem Weg zum "Hotel Adriano" - gerne würde man ihn als Zuschauer begleiten!

Porco auf dem Weg zum „Hotel Adriano“ – gerne würde man ihn als Zuschauer begleiten!

Unbeschreiblich gelungen ist die Szenerie: Da wäre zum Beispiel das Hotel von Porcos Freundin Gina, eine Villa im Stil der zwanziger Jahre, mitten im Meer, umschwirrt von knatternden Ein-Mann-Fliegern, die scheinbar frei von bürokratischen Hürden da locker ihrer Wege ziehen. Bleibt nur noch die Frage: wo kann ich buchen? Ich persönlich würde mich sofort im Hotel Adriano einquatieren, im offenen Cockpit an der Adria entlangfliegen und am Abend an der Bar mit den Luftpiraten sitzen. Wie für Ghiblis typisch brilliert auch dieser Film mit einem akribischen Detailreichtum, wunderbaren Naturbildern und toller Architektur.

Mobiliar, Mode, Architektur: alles glänzt im Schein der zwanziger Jahre

Mobiliar, Mode, Architektur: alles glänzt im Schein der zwanziger Jahre

Anders als bei Titeln wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder „das wandelnde Schloss“ verzichtet Miyazaki diesmal weitgehend auf den Einsatz von „Fantasy“. Porcos Schweinekopf stellt das nahezu einzig surrealistische Element in einer sonst magielosen Welt dar, die der Wirklichkeit sehr ähnlich ist. Trotzdem: Miyazaki nimmt sich die Freiheit zu träumen und zeichnet das verspielte Bild einer abenteuerlichen Fliegerkultur am Mittelmeer, in die man sich gerne entführen lässt – alles untermalt von einem ausgezeichneten Soundtrack.

 

 

Porco Rosso ist ein unterschätztes Meisterwerk, das mit atemberaubenden Flugszenen, zauberhaftem Flair und hintersinnigem Plot aufwartet. Warum der Film im Vergleich zu anderen Ghiblis so in Vergessenheit geriet, ist schwer zu sagen. Vielleicht weil das Cover mit dem Schweinekopf nicht so vielversprechend anmutet? Sehr schade! Der Titel darf in keiner Ghibli-Kollektion fehlen, und wenn ihr ihn noch nicht gesehen habt, dann wird es wirklich Zeit! Euch erwartet ein Film, so voller Genuss wie ein warmer Abend an einem italienischen Strand.

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