Der Samurai und sein kontroverser Ehrenkodex: Gedanken zum Hagakure

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Der Samurai aus Büchern und Filmen ist ein mystischer Krieger, ein ehrenvoller Held. Wenn man als erwachsener Konsument wahrscheinlich schon erahnt, dass Fiktion und Realität vielleicht auseinandergehen könnten, so kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass auch die historische Wirklichkeit einen genaueren Blick wert ist. Das Hagakure gilt als schriftlich festgehaltener „Ehrenkodex“ der Samurai und findet sich heute noch in deutschen Bücherläden. Du willst auch ein Samurai werden? Mutig in die Schlacht ziehen? Ließ mal lieber, auf was du dich einlässt, bevor du etwas unterschreibst.

Die Botschaft des Hagakure: nicht wirklich schwierig?

Es ist schon merkwürdig: vor dreihundert Jahren verfasste der Zen-Mönch Yamamoto auf der anderen Seite der Welt eine Sammlung von Lektionen für einen Kriegerklan, den es schon lange nicht mehr gibt – und trotzdem wird das Buch noch heute sogar in Europa gelesen. Manche besonders ambitionierten Firmenchefs verteilen es gar an ihre Manager… manche. Wenn sich die Konzernleitung seine Inhalte aber wirklich zu Herzen nehmen sollte, möchte ich persönlich in diesem Unternehmen lieber nicht arbeiten. Yamamoto macht unmittelbar klar:

„Der Weg des Samurai liegt im Tod. Wenn du vor die Wahl gestellt wirst, gibt es nichts außer dem schnellen Entschluss zum Sterben. Es ist nicht wirklich schwierig. Sei entschlossen und schreite voran.“

Eines muss man Yamamoto lassen: er ist mit seinen radikalen Forderungen ziemlich direkt. Wo andere Autoren den Leser wohl über Seiten und Seiten erstmal „vorbereitet“ hätten, kommt er direkt zum Punkt und lässt keinen Zweifel daran, wo der Hase lang läuft. Neben der bedingungslosen Loyalität gegenüber seinem Herrn propagiert er immer und immer wieder die absolute Bejahung des Todes. Er schreibt: „Ein echter Mann denkt nicht nach über Sieg oder Niederlage. Er stürzt sich mutig in den sinnlosen Tod.“ Eine kontroverse Aussage, um es vorsichtig auszudrücken. 

„Ein echter Mann denkt nicht nach über Sieg oder Niederlage. Er stürzt sich mutig in den sinnlosen Tod.“

Deutlich militaristischer Gesinnung fordert Yamamoto ein Wertesystem, das häufig mit den Prinzipien des Humanismus nicht vereinbar ist und auch großen Anklang bei menschenverachtenden Regierungen wie der des dritten Reichs gefunden hat. Erstaunlicherweise schlägt er aber auch mildere Töne an. So schreibt er an anderer Stelle: „Das menschliche Leben ist wahrhaft eine kurze Angelegenheit. Es ist besser Dinge zu tun, die man mag.“ Ein bisschen lässiger formuliert könnte dieses Zitat problemlos aus einer westlichen Sitcom des Jahres 2016 stammen. Verbirgt sich hinter diesen Widersprüchen eine innere Konsistenz? Das Faszinierende am „Hagakure“ ist gerade, dass Yamamoto trotz seiner oft fanatischen, wie leeres Getöne anmutenden „Auf in den Tod!“ Parolen nicht klingt wie ein stumpfer Kriegsnarr. Er wirkt durchgehend reflektiert, überrascht oftmals auch mit ausgesprochen tiefsinnigen Gedanken. Der verheißungsvolle Schimmer einer wohlüberlegten Philosophie lässt einen an der Lektüre kleben, wenn man manches Mal auch mit dem Kopf schütteln muss.

„Das menschliche Leben ist wahrhaft eine kurze Angelegenheit. Es ist besser Dinge zu tun, die man mag.“ 

Wer ist der Autor des Hagakure?

Tsunetomo Yamamoto

Tsunetomo Yamamoto

Yamamoto war tatsächlich selbst ein Samurai, wurde nach dem Tod seines Herrn jedoch ein buddhistischer Mönch und zog sich in ein Kloster zurück. Interessant ist natürlich die Frage, inwieweit er eigentlich selbst in Kämpfe verwickelt war. Hätte er auf dem Schlachtfeld seine strengen Forderungen mit letzter Konsequenz erfüllt? Leider sind verlässliche Quellen zu diesem Thema schwer zu finden. Bekannt ist, dass Yamamoto bei seinem Herrn wegen seines guten Umgangs mit Worten als Schreiber angestellt war – eine Tatsache, die ihn natürlich eher als Theoretiker erscheinen lässt. Auch wurde er für jemanden, der Tag und Nacht an den Tod denkt, sehr alt: er erreichte das sechzigste Lebensjahr, und das bereits im achtzehnten Jahrhundert. Ihm deswegen direkt Heuchelei zu unterstellen wäre natürlich vorschnell geurteilt. Man findet beispielsweise Aufzeichnungen, dass er nach dem Tod seines Meisters Seppuku (die traditionelle Selbsttötung) begehen wollte, um ihm ins Jenseits zu folgen. Offenbar wurde es ihm explizit verboten – es gibt keinen Anlass, das direkt anzuzweifeln und Yamamoto wie einen Feigling darzustellen, der Wasser predigt und selber Wein trinkt. Wie ernst es ihm mit seiner eigenen Ideologie letztendlich wirklich gewesen ist, wird man vermutlich nicht mehr herausfinden können.

Das „Hagakure“ bleibt ein interessanter Einblick in die polarisierenden Wertevorstellungen eines legendären Kriegergeschlechts. Empfehlenswert ist für den ungeduldigen Leser die gekürzte Reklamausgabe, bei der einiges an ausgedehnter Prosa herausgestrichen worden ist. Zum Abschluss des Artikels hier das vielleicht poetischste Zitat des ganzen Werks:

„Es ist ein guter Standpunkt, die Welt als einen Traum zu betrachten. Wenn du einen Alptraum hast, wirst du aufwachen und dir sagen, dass es nichts weiter gewesen ist, als ein Traum. Man sagt, dass es sich ebenso verhält mit dieser Welt, in der wir leben.“

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One Comment

  1. Hallo,

    nachdem ich ihre Seite jetzt fast durch habe und nun den Artikel gelesen habe, will ich auch ein Kommentar dazu hier lassen.
    Wie richtig geschrieben worden ist (finde ich) wird der Samurai in der westlichen Welt sehr heroisch hervorgehoben, wenn man bedenkt, dass er ja ein Diener war. Wie würde es wohl heute hier aussehen wenn Jemand als Diener betitelt wird?
    Ich beschäftige mich erst die letzten Jahre mit Japan (Kultur und Zen, usw.). Aufgrund meines Trainings in der Dojo kam ich nicht herum mich auch mit der Samurai Aera zu beschäftigen und ich habe das Hagakure öfters gelesen (was nicht heißen will dass ich Alles verstanden habe).
    Meiner Meinung nach, wurde der Tod nicht verherrlicht, sondern als was ganz normales erkannt und akzeptiert (sho ga nai) und dieser Lebensstil hat sich ja bis dato gehalten.
    Ich denke allerdings nicht mehr so extrem.
    Den Tod anzuerkennen als etwas was zum Leben dazu gehört, um das Leben dadurch richtig wertschätzen zu können, der Gedanke gefällt mir. Selbst Mönche außerhalb von Asien hatten in ihren Zellen Totenköpfe stehen, um daran erinnert zu werden, dass das Leben vergänglich ist. Heutzutage wird der Tod verbannt, vielen kommt nicht mal der Gadanke dass Sie auch mal sterben werden, und wenn ja, dann erst in der Zukunft, aber jetzt doch nicht. Sowas kann doch nicht mir passieren, nur den Anderen. Diese fixe Idee ist leider traurige Realität, genauso wie leider jeden Tag Menschen unerwartet sterben, deswegen lieber den Tod akzeptieren und das Leben geniessen, auch wenn das Wetter mal wieder neblig ist, hier in Bayern.
    Ich denke Yamamoto Tsunetomo hat auch dies in seinen Buch mit ausdrücken wollen.

    So,
    genug meine Meinung kund getan.
    Ich danke Ihnen für diese Seite und freue mich wenn ich wieder was lese, auch wenn das lernen derzeit bei mir eher auf Wörter und Vokablen liegt und ich Kilometer davon entfernt bin mal was lesen oder verstehen zu können.

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas

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