Youkai Horror, Teil 1: Kitsune und Rokurokubi

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In Japan erfreut sich ein Anime namens „Youkai Watch“ mittlerweile so großer Beliebtheit, wie es Anfang des Milleniums nur von Pokemon übertroffen wurde. Anders als in der Show von Ash und Pikachu, sind die Figuren von „Youkai Watch“ diesmal an die mythologische Geisterwelt Japans angelehnt. Zugegeben: Die darin auftretenden Charaktere sind größtenteils frei erfundene Fantasiewesen mit geringem Bezug zu den historischen Sagengestalten. Das soll uns aber nicht davon abhalten, der farbenfrohen Welt der Youkai eine eigene Serie zu widmen, in der wir besonders interessante Vertreter vorstellen und im Kontext sowohl historischer als auch zeitgenössischer Medien diskutieren.

Bei Youkai handelt es sich um eine besondere Klasse von mythologischen Gestalten aus der japanischen Sagenwelt. Äußerst vielfältig in Art und Erscheinen, kann man sie wohl am ehesten als Geister bezeichnen, manchmal auch als Mischform zwischen gewöhnlichem Geist und niedriger Gottheit. Dabei ist es sehr unterschiedlich, welche charakterlichen Eigenschaften ihnen nachgesagt werden. Zu allermeist handelt es sich um friedfertige, oft ungezogene oder schelmenhafte Wesen, die es lieben, uns Menschen kleine Streiche zu spielen. Auch ist es möglich, dass sie – behandelt man sie nur angemessen – eine segensreiche Schutzfunktion ausfüllen, oder, im negativen Fall, bösartiges Verhalten zeigen und die Menschen verletzen, verfluchen oder gar töten.

Das Aussehen der Youkai reicht dabei von humanoid (z.B. Zashiki Warashii) oder Tier ähnlich (z.B. Kitsune) bis hin zu abstrakt, grotesk oder gar pervers (z.B. Shirimen).

Den Anfang unserer Serie macht ein Wesen, das für uns Europäer nichts weiter ist, als ein normales Tier, in Japan jedoch den Status eines Youkai genießt und zeitweilen sogar verehrt wird, wie ein Gott: Kitsune, der Fuchs.

Kitsune Statue im Fushimi-Inari Taisha Schrein in Kyoto

Kitsune Statue im Fushimi-Inari Taisha Schrein in Kyoto

Kitsune

Der Fuchs (jap. „kitsune“, 狐) ist ein Tier, das schon immer eine besondere Wirkung auf die Menschen in Japan hatte. Man sagt ihm einen scharfsinnigen Intellekt nach, eine fast allwissende Weisheit und Kräfte, die weit über die Fähigkeiten des Tierreichs hinausgehen. Über das ganze Land verteilt finden sich Schreine, die ganz dem Fuchs gewidmet sind. Betritt man einen solchen „Inari Zinja“ begreift man schnell, dass das Verhältnis zu dem rothaarigen Tier gespalten ist: zahllose seiner Statuen finden sich dort, die den Besucher, teils aus dunklen Ecken, bösartig beobachten. Kitsune wird normalerweise furchterregend dargestellt. Schlitzartig die Augen, aggressiv knurrend das Maul, fast teuflisch der Blick.

Der bekannteste Inari Zinja steht in Kyoto, der alten Hauptstadt Japans, die berühmt ist für seine Vielzahl an Tempeln und Schreinen. Der „Fushimi Inari Zinja“ ist dabei einer der am meisten besuchten und beliebtesten Attraktionen für Touristen. Eine atemberaubende Anzahl von roten Portalen, den sogenannten „Torii“, kann dort bestaunt werden, und es besteht kein Zweifel, dass der Ort etwas Magisches an sich hat. Jedoch, unter Einheimischen ist er alles andere als beliebt. Auf die Frage, ob man ihn gemeinsam besuchen könne, wird zurückhaltend reagiert. „Wenn es sein müsse“, mögen einem gute Freunde entgegnen, „wenn du ihn unbedingt sehen willst“. Gerne führen einen die wenigsten Japaner dorthin.

Bereits der arme Prinz Hanzoku wurde schon vor hunderten von Jahre von einem neunschwänzigen Fuchs heimgesucht

Bereits der arme Prinz Hanzoku wurde schon vor hunderten von Jahre von einem neunschwänzigen Fuchs heimgesucht

Kitsune sei mächtig, so sagt man ihm nach, fast so mächtig, wie ein Gott. Häufig wird er als eine Art Vermittler zwischen den Göttern und den Sterblichen gesehen. Leicht kann er einem seinen Wunsch erfüllen, jedoch, es hat seinen Preis. Der Fuchsgott ist streng und verzeiht keine Fehler. Wer ihm einmal seine Leibspeise opfert (eine besondere Art weiches Tofu), der tut besser daran, es ihm fortan für den Rest seines Lebens zu opfern.Andernfalls kann sein neuer Herr nämlich mehr als ungemütlich werden, ihn mit Flüchen und Unbill jeder Art belegen – keine sehr erbauliche Vorstellung. Oft wird berichtet, dass Kitsune, wie eine Art Dämon, Besitz von einem Menschen ergreifen kann, oder – man ließt das noch häufiger – selbst die Fähigkeit zur Gestaltenwandlung erlangt. So tritt er häufig als junges Mädchen auf, das einen Mann verführt und ihn ins Unheil stürzt.

Darstellungen von Vorkommnissen dieser Art reichen viele hundert Jahre zurück. In seiner wahren Form mag der Fuchs, abhängig von Alter und Stärke, mehr als einen Schwanz besitzen. Am meisten finden sich Beschreibungen, die die symbolische Zahl „neun“ verwenden. Warum ausgerechnet diese Anzahl, ist unklar. Bereits auf einem Gemälde des neunzehnten Jahrhunderts ist es das bedauerliche Schicksal des Prinzen Hanzoku, von einem neunschweifigen Fuchs heimgesucht zu werden.

Im Videospiel „Okami“ tötet Kitsune die Pristerin Rao und nimmt ihre Gestalt an, um Amaterasu zu täuschen. Einmal entlarvt, zeigt er sich zunächst in Form der jungen Frau mit Fuchsgesicht, später dann als Herrscher der Oni-Insel „Neunschwanz“.

Im Videospiel "Okami" begegnet man der Priesterin Rao, die sich später als Kitsune entpuppt

Im Videospiel „Okami“ begegnet man der Priesterin Rao, die sich später als Kitsune entpuppt

Der Fuchsgeist enthüllt sein wahres Ich: nachdem er die echte Rao getötet hatte, nahm er ihre Gestalt an, um Amaterasu zu täuschen (Bild: Okami)

Der Fuchsgeist enthüllt sein wahres Ich: nachdem er die echte Rao getötet hatte, nahm er ihre Gestalt an, um Amaterasu zu täuschen (Bild: Okami)

Während das Böse auch in der abendländischen Kultur häufig mit einer Vielzahl an Schwänzen oder Köpfen auftaucht, ist der Fuchs eher selten Verkörperung einer dämonischen Macht. Gerade in Deutschland weißen wir ihm eher positive Attribute zu. So bedeutet „Du bist ja ein Fuchs“, soviel wie „Ich bin von deiner Klugheit beeindruckt“. Skeptisch ist man hierzulande eher dem Wolf eingestellt – interessant, dass es sich in Japan genau umgekehrt verhält.

In seiner wahren Form besitzt der Fuchs Dämon schließlich die typische Anzahl von neun Schwänzen (Bild: Okami)

In seiner wahren Form besitzt der Fuchs Dämon schließlich die typische Anzahl von neun Schwänzen (Bild: Okami)

Rokurokubi

Historische Darstellung von Rokurokubi aus dem achtzehnten Jahrhundert

Historische Darstellung von Rokurokubi aus dem achtzehnten Jahrhundert

Wäre es nicht super, nach der Pizza im Ofen schauen zu können, ohne sich mühsam von der Couch erheben zu müssen? Falls ihr weiblichen Geschlechts seid, besteht noch Hoffnung: Vielleicht verwandelt ihr euch ja eines Tages in eine Rokurokubi. Diese sehr bekannte Youkai-Dame kann nämlich ihren Hals beliebig weit dehnen und ihren Kopf -wohin auch immer- auf Wanderschaft schicken. In den meisten Fällen wird ihr eher bösartiger Charakter nachgesagt; sie mag uns arme Sterbliche erschrecken oder gar das Blut aussaugen.

Ob es sich bei eurer Freundin um eine Rokurokubi handelt, lässt sich tagsüber nicht feststellen. Sie tarnt sich während dieser Zeit als ganz gewöhnliche, junge Frau, und selbst wenn ihr euch in heißer Leidenschaft an ihrem Hals fest saugt, werdet ihr nichts Auffälliges bemerken. Haltet lieber eure Augen und Ohren offen, wenn die Sonne untergeht, und sich eure Angebetete zum schlafen legt. Dann nämlich kommt ihre spezielle „Spaghetti Power“ zum tragen, und wenn der Kopf erst einmal beim Fenster hinaus fliegt, habt ihr genug Zeit, euch über eure Beziehung Gedanken zu machen.

Man kann sich natürlich die Frage stellen, wie diese Idee von Rokurokubi entstanden ist, und in diesem Bereich ist viel Raum für Spekulation. Da gibt es beispielsweise Menschen, die davon berichten, ihren Körper verlassen zu können und ihn schon von außen gesehen zu haben. Sogar der berühmte Physiker Richard Feynman – ein Mann, fern ab der Esoterik – schreibt in seinem Buch „Sie belieben zu scherzen, Mr. Feynman“ von Erfahrungen dieser Art. Berichteten junge Frauen im alten Japan von solcherlei Träumen, und schufen so die Basis für die Legenden rund um Rokurokubi? Denkbar wäre es. Mit ihrer skurril anmutenden Gestalt brachte es das Geistermädchen jedenfalls zu erstaunlicher Popularität. Sie erscheint sowohl in Geschichten und Portraits, die viele hundert Jahre alt sind, als auch in eher modernen Medien.

Man begegnet ihr in dem Super Nintendo Spiel „Pocky und Rocky“, in dem NES Spiel „Kid Nikki, Radical Ninja 2“ und sie ist eine der wenigen der „classical Youkai“, die in „You-kai watch“ auftauchen.

Rokurokubi in Pocky und Rocky

Auch im SNES Spiel „Pocky und Rocky“ hat Rokurokubi einen Auftritt

Rokurokubi in dem Super Nintendo Spiel "Kid Nikki, Radical Ninja 2"

Rokurokubi in dem Super Nintendo Spiel „Kid Nikki, Radical Ninja 2“

rokurokubi_und_whispa

Rokurokubi und Whispa (You-kai Watch)

Stöbert man beispielsweise in deviantart, so stellt man schnell fest, dass Rokurokubi immer noch auf viele Menschen eine Faszination ausübt und Künstler inspiriert. Eine kleine Anmerkung zum Schluss für alle Simpsons Fans: Es gibt eine Halloween Episode, in der Bart mit einem Fluch belegt wird, der seinen Hals unnatürlich schlangenartig verlängert. Wer weiß, vielleicht wurden die Macher der Folge ja von Rokurokubi inspiriert?

Seid ihr Kitsune oder Rokurokubi schon einmal in Filmen, Büchern oder Videospielen begegnet? Was ist euer Lieblings-Yokai, von dem ihr gerne im nächsten Teil der Serie lesen würdet?

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